Bonn, den 29. Mai 2026. Das Gustav-Stresemann-Institut (GSI) setzt ein sichtbares Zeichen für Demokratie und Gleichberechtigung: Anlässlich des Tages der Verfassung am 23. Mai wurden vier Tagungs- und Seminarräume nach den sogenannten „Müttern des Grundgesetzes“ benannt.
Geehrt werden Frieda Nadig, Dr. Elisabeth Selbert, Dr. Helene Weber und Helene Wessel – die einzigen vier Frauen im Parlamentarischen Rat 1948/49.
Ihr Einsatz war entscheidend dafür, dass der Gleichberechtigungsgrundsatz in Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes verankert wurde: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Gegen erhebliche Widerstände ihrer männlichen Kollegen erkämpften sie diese Formulierung und schufen damit die Grundlage für die Abschaffung zahlreicher diskriminierender Gesetze in der Bundesrepublik.
Ausstellung im GSI-Foyer
Begleitend zur Umbenennung zeigt das GSI vom 10. Juni bis 3. Oktober 2026 im Foyer 2 die Ausstellung „Mütter des Grundgesetzes“. Sie beleuchtet Leben und Wirken der vier Politikerinnen sowie ihren Beitrag zur demokratischen Entwicklung Deutschlands. Die Ausstellung wird durch thematische Führungen und Abendveranstaltungen begleitet werden. Sie ist kostenfrei und kann täglich im GSI besucht werden.
Die Ausstellung wurde im Rahmen des Projekts Frauen.Vielfalt.Politik entwickelt, das von der EAF Berlin in Kooperation mit dem Deutschen LandFrauenverband umgesetzt und vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert wird.
Zeichen für gelebte Demokratie
Mit der Benennung der Räume unterstreicht das GSI seinen Anspruch als Bildungsstätte für politische Bildung, demokratische Werte nicht nur zu vermitteln, sondern aktiv sichtbar zu machen. „Für eine lebendige Bildungsarbeit sind Vorbilder wichtig“, so Wilfried Klein, Leiter des GSI, „Und die Biografien dieser vier Politikerinnen dokumentieren den erfolgreichen Kampf für Menschenrechte. Sie haben sich mit fachlicher Kompetenz, politischem Mut und langem Atem gegen alle Widerstände durchgesetzt. Die Bundesrepublik wäre ohne sie eine andere geworden, dafür schulden wir ihnen noch heute Dank.“ Die Würdigung reiht sich in die Tradition ein, herausragende Persönlichkeiten der Zeitgeschichte im Haus zu ehren. Bereits heute tragen Räume Namen wie Gustav Stresemann, dem Namensgeber des Instituts, oder Aristide Briand, mit dem Stresemann 1926 den Friedensnobelpreis erhielt.
Historischer Kontext
Die vier Politikerinnen wurden im Kaiserreich geboren und wuchsen unter Bedingungen auf, in denen Frauen grundlegende Rechte verwehrt waren. Trotz begrenzter Bildungschancen und fehlendem Wahlrecht engagierten sie sich früh politisch. Nach der NS-Diktatur konnten sie 1945 ihre politische Arbeit wieder aufnehmen.
Im Parlamentarischen Rat, der am 1. September 1948 in Bonn zusammentrat, standen den vier Frauen 61 männliche Mitglieder gegenüber – obwohl Frauen zu diesem Zeitpunkt die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Dennoch gelang es ihnen, den Gleichberechtigungsgrundsatz durchzusetzen. Dieser führte in den folgenden Jahrzehnten zu tiefgreifenden rechtlichen Reformen, etwa im Familien- und Arbeitsrecht.
Nachhaltige Würdigung
Mit der dauerhaften Sichtbarkeit im GSI wird das Engagement der „Mütter des Grundgesetzes“ gewürdigt und zugleich ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur geleistet. Ihre Leistung bleibt ein Meilenstein auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Gesellschaft – und ein Auftrag für die Zukunft.