Internationale Jugendbegegnung und politische Bildung zwischen "Kalter Krieg" und "multipolarer Weltordnung"

Ein Symposium zu Ehren von Dr. h.c. Erik Bettermann

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Politische Bildung

„In den Anfängen ging es darum, unsere Nachbarländer kennenzulernen. Heute gilt es, die Demokratie zu schützen.“

Internationale Jugendbegegnungen stehen als ein Instrument zur Verfügung, um über die reale, analoge Begegnung Verständigung zu erreichen, die die Welt der digitalen Blasen nicht mehr leisten kann. 

Aber kann die Internationale Jugendbegegnung das überhaupt leisten? Und hat sie das in der Vergangenheit überhaupt geleistet? Was hat Jugendbegegnung ausgemacht? Welche Rolle hat „Europa“ dabei gespielt? Hat Begegnung tatsächlich die politische Handlungsfähigkeit gestärkt? Wie kann sie nun in einer diversen und zunehmend digitalisierten Welt aussehen und wirken? Und was soll sie überhaupt bewirken? Schließlich – wie müssen die strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen aussehen, damit sie das leisten kann?

Diese und andere Fragen haben wir im Rahmen des Symposiums, das wir zu Ehren von Erik Bettermann anlässlich seines Ausscheidens nach 36 Jahren Mitgliedschaft in Vorstand und Präsidium des Gustav-Stresemann-Instituts durchführt haben, aufgegriffen.

Dr. h.c. Erik Bettermann, November 2025
Warum dieses Symposium?

Als er Anfang der 60er Jahre das erste Mal Frankreich besuchte, warnte ihn sein Vater noch vor dem „Erzfeind“. Wenige Jahre später organisierte er selber Jugendbegegnungen ins westeuropäische Ausland, nutzte seine Funktionen zur Stärkung des Dialoges mit Jugendlichen aus Osteuropa, setzte sich für die Gründung eines europäischen Jugendwerks ein wie auch für die Intensivierung der Kontakte nach Israel und in die USA: So wie Erik Bettermann engagierten sich viele Jugendliche im Westeuropa der 50er, 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts für die internationale Jugendbegegnung und leisteten dabei einen wirksamen Beitrag zur Verständigung über Systemgrenzen hinweg und zur Überwindung nationaler Feindschaften.

Diese aktive Jugendbegegnung war den einen zu (partei-)politisch, den anderen zu wenig (kapitalismus-)kritisch war. Die einen pochten auf Autonomie, die anderen auf gesellschaftspolitische Verantwortung. In jedem Fall war sie Gegenstand politischer Kontroversen inner- und außerhalb der Jugendverbände.

Nach dem Ende des Kalten Krieges schien die Jugendbegegnung ihren politischen Charakter verloren zu haben, zumal das „Ende der Geschichte“ ausgerufen wurde. Seit 25 Jahren hat sich aber eine Weltordnung herausgebildet, die gepaart mit dem Erstarken illiberaler Demokratiemodelle postmoderne Selbstgewissheiten erschüttert hat. Das Nebeneinander von Diversität und Abschottung belasten zivile Gesellschaften und multilaterale Systeme gleichermaßen. Die Unübersichtlichkeiten durch scheinbar unbegrenzte Datenströme und das Vermischen von realen und künstlichen Welten leisten ihr Übriges.

Zum Hintergrund

Erik Bettermann war von 1989 bis 2025 ununterbrochen Mitglied im Vorstand bzw. Präsidium des Gustav-Stresemann- Instituts, davon 17 Jahre Vorsitzender bzw. Präsident bis 2025. Er ist am 8. Mai 1944 geboren. Das GSI ist hervorgegangen aus dem deutschen Sekretariat der Europäischen Jugendkampagne, die von 1951 bis 1958 durchgeführt wurde. Jugendbegegnung begleitet die Arbeit des GSI damit von Beginn an und findet jetzt vor allem im Rahmen des deutsch-französischen Jugendaustausches statt. 


Die GSI Gustav-Stresemann-Stiftung wurde vom Verein Gustav-Stresemann-Institut e.V. gegründet, um übernationale Bildung und internationale Zusammenarbeit zu fördern

Themen der Vorträge:

Klaus Waldmann, ehemaliger Vorsitzender des Bundesausschusses Politische Bildung: “Jugendverbände  internationale Jugendbegegnungen - politische Jugendbildung in der Nachkriegszeit.” Entwicklung der Jugend(verbands)arbeit nach 1945: Strukturen, Themen und Kontroversen.

Dr. Susanne Rappe-Weber, Leiterin Archiv der Deutschen Jugendbewegung: „Europa als Sehnsuchtsort. Perspektiven für Jugendbünde nach 1945“

Maria Daldrup, Leiterin Archiv der Arbeiterjugendbewegung: „>We, Falcons!< Internationale Begegnungen im Falkenstaat „Junges Europa“ (1952)“ / Die Rolle der Begegnung und ihr Beitrag zur politischen Bildung. Das Beispiel “Die Falken”.

Plenum mit Klaus Schäfer, ehemaliger Staatssekretär im Jugendministerium NRW; Konrad Gilges, ehemaliger Vorsitzender des Bundesjugendrings und Erik Bettermann, ehemaliger Bundesgeschäftsführer des Bundesjugendrings mit der Moderation durch Karin Kortmann, Parlamentarische Staatssekretärin a.D., ehemalige Bundesvorsitzende des Bundes der deutschen Katholischen Jugend: “Andere Länder kennenlernen oder die Welt verändern? Jugendverbandsarbeit in den 60er und 70er Jahren zwischen Anpassung und Politisierung.”

Dr. Anne-Christine Hamel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Stiftung Gedenkstätte Buchenwald und Mittelbau-Dora: „Wandel durch Begegnung." Zu den Herausforderungen und Chancen von Migration im Kontext internationaler Jugendarbeit am Beispiel der DJO.

Mareike Ketelaar, Leiterin des Geschäftsbereiches Qualifizierung und Weiterentwicklung der Internationalen Jugendarbeit, IJAB: Jugendbegegnung und „democratic youth work“ 

Thomas Branahl, Vorstand des Landesjugendrings NRW: "Vorstellungen des Landesjugendrings zur Rolle der internationalen Jugendbegegnung bei der Stärkung des europäischen Gedankens und der Demokratie"." Perspektive unserer Mitgliedsverbände unter Einbeziehung von Jugendverbandsarbeit als Orte der Demokratiebildung. 

Plenum mit Prof. Andreas Thimmel, TH Köln; Mareike Ketelaar und Thomas Branahl; Moderation Ute Lange: “Internationale Jugendbegegnung und politische Bildung - Möglichkeiten, Anforderungen und Rahmenbedingungen in einer digitalen und diversen Gesellschaft.” Welche Strukturen braucht die Förderung der Zukunft?

 

 

Rückblick auf das Symposium zu Ehren von Dr. h. c. Erik Bettermann

Folgende Zitate bilden eine Klammer zum Symposium: „Ein Kampf für eine zivile Weltgesellschaft“ und die „Verständigung zwischen Gesellschaften“. Zahlreiche Expert*innen und Zeitzeug*innen beleuchteten die Geschichte, Gegenwart und Zukunft internationaler Jugendarbeit.

Eine kurze Begrüßung, ein Dankeschön und Einleitung zum Symposium gab Wilfried Klein, Leiter des GSI. Frau Ute Lange führte durch das Symposium.

Zu Beginn begrüßte Prof. Kelber, Präsident des GSI, die Teilnehmenden und rief dazu auf, die Jugendarbeit nicht nur wertschätzend, sondern auch kritisch zu reflektieren. Dabei ging er auch auf das Entstehen des GSI aus der europäischen Jugendkampagne ein. In seiner Einführung zeichnete Waldmann die Aufbruchstimmung nach 1945 nach. Er hob hervor, dass die Akteur*innen an die Traditionen demokratischer Jugendbildung vor 1933 anknüpfen konnten. Entscheidend für ihr Selbstverständnis war dabei, keine „Staatsjugend“ zu sein, sondern unabhängige und freie Arbeit zu leisten.

Dr. Rappe-Weber gewährte im Anschluss einen lebendigen Einblick in die Arbeit des Archivs der deutschen Jugendbewegung. Besonders eindrucksvoll waren die vorgestellten Sammlungsstücke, darunter eine Sammlung europäischer Lieder, die bei internationalen Jugendbegegnungen zum Einsatz kamen.

Einen Höhepunkt, auch aufgrund der historischen Filmaufnahmen, bildete der Beitrag von Maria Daldrup, die eindrücklich über den Falkenstaat „Junges Europa“ berichtete, an dem 1952 über 10.000 junge Menschen aus Westeuropa teilnahmen. Im Zentrum standen dabei die Einübung von Selbstverantwortung in international zusammengesetzten Gruppen sowie die Selbstermächtigung von Kindern und Jugendlichen aus dem Arbeitermilieu.

Die internationale Vernetzung trotz politischer Spannungen beleuchtete Klaus Schäfer. Er schilderte, wie Jugendverbände eigenständig Kontakte in einer Zeit aufbauten, die vom Kalten Krieg und tiefem Misstrauen geprägt war. Konny Gilges ergänzte dies mit Einblicken in die besonderen Beziehungen zur DDR und zur FdJ. Diese Verbindungen, so Schäfer, hätten insbesondere während der Entspannungspolitik eine wichtige Rolle gespielt.

Das Symposium war Dr. h. c. Erik Bettermann gewidmet, der sich auch aktiv an der Diskussion beteiligte. Er betonte, dass das gemeinsame „Entdecken Europas“ nicht nur dazu dienen sollte, dass „ein Weltkrieg nie wieder passiert“, sondern Teil eines umfassenderen Projekts sei – eben eines „Kampf für eine zivile Weltgesellschaft“. Einigkeit bestand unter den Diskutierenden darüber, dass die Aktiven in den Jugendverbänden eine besondere „Offenheit“ gegenüber anderen Ländern und Menschen entwickelten und Fähigkeiten zur „Konsensbildung“ erlernten. Diese Kompetenzen – „Offenheit, Konsenssuche, Konfliktlösung“ – prägten nach Bettermann auch später berufliche und persönliche Lebenswege. Karin Kortmann, Vizepräsidentin des GSI, brachte dies prägnant mit dem Zitat „Verband verbindet“ auf den Punkt.

Dr. Hamel beleuchtete die komplexe Geschichte des Verbandes der deutschen Jugend des Ostens (heute Deutsche Jugend in Europa). Ursprünglich als Organisation von Vertriebenen gegründet und zunächst mit der Forderung nach Rückkehr in verlorene Gebiete verbunden, wandelte sich der Verband nach der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie grundlegend. Heute versteht er sich auch als Angebot für migrantische Jugendliche mit Fluchterfahrung.

Die internationale Dimension der Jugendarbeit wurde durch Ketelaar hervorgehoben, sie betonte, dass Jugendarbeit stets auch als „Grundrechteträger“ agiere und sich aktiv für „Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit“ einsetze.

Mit Blick auf aktuelle Herausforderungen unterstrich Branahl den partizipativen Charakter der Jugendarbeit. Digitale Formate seien zwar eine sinnvolle Ergänzung, könnten jedoch die direkte menschliche Begegnung nicht ersetzen. Neben finanziellen Fragen rückte er auch strukturelle Themen in den Fokus, etwa die Notwendigkeit von „Gruppen-Visa“, damit auch Kinder und Jugendliche ohne deutschen Pass an internationalen Begegnungen teilnehmen können.

Abschließend rief Prof. Thimmel dazu auf, die Erfahrungen verschiedener Generationen ernst zu nehmen und zugleich sensibel mit Begrifflichkeiten umzugehen. Der Begriff „Völkerverständigung“ sei heute überholt; vielmehr gehe es um eine „Verständigung zwischen Gesellschaften“. Zudem machte er deutlich, dass die Wirkungen von Jugendarbeit zwar schwer objektiv messbar seien und ihr Beitrag zur „Demokratieentwicklung“ in gewisser Weise „spekulativ“ bleibe, jedoch „biografisch erzählbar“ sei – sichtbar in zahlreichen Lebensgeschichten, die durch Erfahrungen in Jugendverbänden nachhaltig geprägt wurden.

Martin Stadelmaier, Vizepräsident des GSI, bedankte sich mit seinen Abschlußworten bei allen Referent*innen und Mitwirkenden und leitete in den gemütlichen Teil des Abends ein.

Das Symposium machte deutlich, wie stark die internationale Jugendarbeit historisch verwurzelt ist und wie aktuell ihre Anliegen bis heute geblieben sind.

 

Impressionen